Ein Coup für Berlin?

Mit 200 Elektrorollern von Gogoro fährt Bosch seit August im Berliner Scooter-Sharing-Markt mit.

Car-Sharing war gestern. Early Adopters und Individualisten gleiten auf elektrischen Scootern lautlos und lässig durch die Stadt. So zumindest das Marketingversprechen. Seit August rollt mit dem Automobilzulieferer und Elektronikkonzern Bosch ein zweiter Anbieter von Scooter-Sharing durch Berlin. Hier unser Praxisbericht

Der Name klingt wie eine Ansage, gerade wohl auch an die Mitbewerber: Coup heißt die Marke, unter der Bosch rund 200 Elektroroller im Berliner Innenstadtbereich verteilt hat. Im Unterschied zu den roten Retro-Rollern von Berlins erstem Sharing-Anbieter eMio kommt Coup mit modernen schwarz-grünen Scootern von Gogoro daher. Das setzt nicht nur ästhetisch die digitale Designsprache der App gut fort. Es wirkt auch technologisch konsequent, denn Gogoro preist seinen Roller als den weltweit ersten und einzigen Smartscooter an.

Das Geschäftsgebiet von Coup umfasst im Moment die Stadtteile Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg. Damit dürfte auch klar sein, an wen man sich wohl zunächst wendet. Womit wir bei der Preispolitik wären. Drei Euro für die ersten 30 Minuten Fahrt sind festgeschrieben. Danach ein Euro pro 10 Minuten. An dieser Stelle sei bereits vorweg genommen, dass wir bei den meisten Fahrten innerhalb des Geschäftsgebiets diese 30 Minuten deutlich unterschritten haben, sodass der Festbetrag sich für Coup rechnen dürfte.

Erst die Einladung, dann die Freischaltung

Um die notwendige App installieren zu können, waren wir auf eine Einladung angewiesen. Wir erhielten sie sechs Tage, nachdem wir uns über die Website joincoup.com auf eine Warteliste haben setzen lassen. Ob dieses Verfahren nur am Anfang gegolten hat und die Registrierung demnächst auch problemlos über die App erfolgen kann, war uns bis Redaktionsschluss nicht bekannt.

Innerhalb der App wird man schrittweise freigeschaltet. Der letzte entscheidende Schritt ist eine Verifizierung von Führerschein und Daten via Videochat aus der App heraus. Dieses Gespräch wird durchgeführt von der identity Trust Management AG. Ratsam ist hierbei eine Verbindung mit guter Datenrate, damit die Aufnahmen von Führerschein und Personalausweis akzeptiert werden, was im Zweifelsfall der Service-Mitarbeiter entscheidet. Das Prozedere dauert also je nach Verbindungsqualität einige Minuten, lag in unserem Fall unter zehn Minuten. Über eine extra Registrierungsgebühr ist uns nichts bekannt bzw. wurden wir auf eventuell anfallende Anmeldekosten nicht explizit aufmerksam gemacht.

Fast überall kann der Coup Scooter geparkt werden.
Fast überall kann der Coup Scooter geparkt werden.

Gute Benutzeroberfläche

Sobald der Account frei geschaltet ist, kann man in der Karte der App die verfügbaren Roller suchen. Ähnlich wie in einer früheren Phase von DB Call-a-Bike kann man den Roller nahezu überall abstellen. Die Oberfläche ist simpel und übersichtlich gestaltet. Besonders gut ist die große Anzeige des Kennzeichens auf dem Bildschirm, was besonders hilfreich ist, wenn mehrere Roller unmittelbar nebeneinander stehen. Reserviert man einen verfügbaren Roller, ist dieser für 15 Minuten lang reserviert, wie häufig üblich im Sharing-Markt. Eine Stornierung ist kostenlos. In dem extra Menüpunkt „Buchungen“ hat man eine chronologische Übersicht seiner gebuchten und stornierten Fahrten samt Start- und Zielpunkt, Strecke sowie Fahrtkosten.

Öffnen mit Schluckauf

Nähert man sich dem Roller bis auf einige Zentimeter, erscheint bei eingeschalteter Bluetooth-Verbindung der Button „Aufschließen“ auf dem Bildschirm. Dieser Vorgang musste bei manchen Buchungen öfters wiederholt werden, indem die App neu gestartet oder die Bluetooth-Verbindung neu aufgebaut wurde. Häufig zeigte die App die wohl witzig gemeinte Fehlermeldung an, dass die Coup-Server „Schluckauf“ hätten und man es noch mal versuchen solle.

Was bisher in allen unseren Fällen dagegen nicht funktionierte, war der Versuch, den Roller zu parken und abzuschließen, ohne jedoch die Buchung zu beenden, um ihn nach der Unterbrechung weiter zu fahren. Einen expliziten Parkmodus bietet die App nämlich nicht an. Hier blieb immer nur die Lösung, die Buchung über die Hotline zu beenden und für etwaige Kosten eine Freifahrt zu erhalten. Auf Nachfrage hieß es, dass es sich um einen Bug handele, der bei einem nächsten Update behoben sein solle. Ein solches Update war bis Redaktionsschluss nicht bekannt.

Auf die Plätze, fertig, GO…

Hat man den Roller erfolgreich via App aufgeschlossen, aktiviert er sich mit einem Ton und das Dashboard leuchtet. Danach öffnet man über einen Schalter am rechten Lenkergriff den Sattel, unter dem sich der Helm befindet. Es ist immer nur ein Helm vorhanden, anders als bei eMio. Manchmal lag er in der Größe M vor, manchmal in der Größe L. Mithilfe von kleinen Zusatzpolstern konnte er in der Größe noch etwas variiert werden. Was die Hygiene anbelangt, so liegt unter dem Sattel auch ein Beutel mit schwarzen Hygienehäubchen vor, die an Kopfbedeckungen aus dem OP-Saal oder an Hippies erinnern- Ansichtssache. Wir hatten bisher immer das Gefühl, dass die Polster angenehm trocken und sauber wirkten, weshalb auf die Häubchen verzichtet wurde.

Links werden die Akkus, in der Mitte die Geschwindigkeit, rechts u.a. Uhrzeit und Reichweite angezeigt. Über den großen „GO“-Knopf wird gestartet.

Für Aufschließen, Helm entnehmen und Motor starten sieht die App ein kostenloses Zeitfenster von zwei Minuten vor, was im Idealfall völlig ausreichend ist. Denn auf ein (lästiges) Abfragen z.B. von Sauberkeitszustand und etwaigen Kratzern des Rollers wird verzichtet.

Draufsetzen, Ständer einklappen, linken Bremsgriff festhalten, großen „GO“-Knopf unterhalb des Dashboards drücken, fertig. Da der Motor nicht geräuschvoll zündet, kann es manchmal passieren, dass man noch mal drücken muss, damit die Maschine tatsächlich startet. Überprüfbar ist dies, indem man am rechten „Gas“-Hebel dreht.

Lautlos und lässig

Lautlos setzt sich der Scooter in Bewegung. Spätestens jetzt setzt die Begeisterung ein: Die sofort abrufbare volle Leistung des Stromers katapultiert den Roller gefühlt in Blitzschnelle nach vorn. Laut Gogoro von 0 auf 50km/h in 4,2 Sekunden. Nach einigen Metern holen die Verkehrsteilnehmer mit Verbrennungsmotor einen dann wieder ein, nachdem man sie an der Ampel mühelos hinter sich gelassen hat. Egal, das Fahrgefühl ist großartig. Nur die angetriebenen Räder und ihr Abrollen sind zu hören. Der Fahrtwind schnurrt angenehm um den Helm. Bei maximal 53km/h. Wem es zu windig ist, kann eine im Helm verborgene Blende herunter ziehen. Wir empfanden die eigene Sonnenbrille jedoch als angenehmer.

Alternative nur für den Sommer?

Gerade im heißen Spätsommer der Großstadt erwies sich der elektrische Scooter als sexy Alternative zum automobilen Stop-and-Go oder schweißtreibendem Radfahren. Was den Service angeht, ist bei Coup noch Luft nach oben. Wer im Fall einer Panne auf Hilfe angewiesen ist, kann sich gegebenenfalls nur selber helfen. Wir hatten versucht, nachts über die App Hilfe zu bekommen. Die angegebene Festnetznummer verband mit einer Mobilfunknummer. Leider konnten wir auch nach zahlreichen Versuchen in verschiedenen Zeitabständen keinen Kontakt aufnehmen, es blieb beim Freizeichen. Wenn wir uns richtig erinnern, lautete eine Ansage am Anfang der Service-Schleife, dass Coup in den Zeiten zwischen 7.00 und 23.00 Uhr zu erreichen sei oder man auch eine Email senden könnte. Am anderen Tag haben wir über die Servicehotline dann einen Mitarbeiter erreicht, der das Anliegen bearbeitete.

Das alles kann man gut und gerne als digitale sowie analoge Kinderkrankheiten eines neuen Angebots werten. Damit sind wir beim Geschäftsmodell. Der Start von Coup im Sommer kommt nicht von ungefähr. Wie sich das Geschäft im Herbst und Winter gestalten wird, bleibt abzuwarten. eMio ist mit fünfzig Rollern weniger schon seit dem letzten Jahr in Berlin am Start (Fahrtbericht hier) Und das Berliner Start-up Unu, das über den Internetdirektvertrieb Elektroroller verkauft, soll auch auf den Sharing-Markt drängen. Angeblich gibt es Gespräche mit einem großen Automobilkonzern. Dem Endverbraucher kann wohl nur recht sein, dass das Berliner Scooter-Sharing in Bewegung ist. Am Ende will er das attraktivste Preis-Leistungs-Angebot.

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